Chemie verbindet: Warum eine starke Industrie für die Zukunft Ostdeutschlands entscheidend ist

Wenn ich durch Ostdeutschland fahre und mit Unternehmen, Beschäftigten und Auszubildenden spreche, wird eines immer wieder deutlich: Chemie ist hier nicht einfach eine Branche. Sie ist Teil der Regionen – ihrer Geschichte, ihrer Arbeitsplätze und ihrer Zukunft.

Wer über die wirtschaftliche Zukunft Ostdeutschlands spricht, kommt an unserer Branche deshalb nicht vorbei. Rund 63.000 Menschen arbeiten in den Unternehmen. Hinzu kommen weitere Arbeitsplätze bei Zulieferern, in der Logistik, im Handwerk und bei Dienstleistungen. Was hinter den Werkstoren passiert, wirkt weit darüber hinaus – auf Familien, auf Kommunen und auf ganze Regionen.

In wenigen Wochen stehen in Ostdeutschland drei wichtige Wahlen an: in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Sie fallen in eine Zeit, in der die Industrie erheblich unter wirtschaftlichem Druck steht. Für uns als Nordostchemie-Verbände ist das der Anlass, mit unserer Kampagne „Chemie verbindet. Heute Arbeit. Morgen Zukunft.“ sichtbar zu machen, was industrielle Stärke für die Menschen und die Regionen bedeutet.

Der Druck auf die Industriestandorte wächst

„Die Hütte brennt“ – dieser Satz beschreibt die Situation inzwischen leider sehr treffend. Die chemisch-pharmazeutische Industrie befindet sich im dritten Jahr in einer schweren wirtschaftlichen Krise. Hohe Energie- und Produktionskosten, schwache Nachfrage, zunehmender internationaler Wettbewerb und langwierige Genehmigungsverfahren belasten die Unternehmen.

Viele Unternehmen haben über Jahre versucht, Beschäftigung und Ausbildung trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen stabil zu halten. Inzwischen verschärft sich die Entwicklung: Standorte werden geschlossen oder Produktionsanlagen zurückgebaut.

Auch die Investitionsbereitschaft leidet. Eine aktuelle Umfrage des VCI Nordost unter ostdeutschen Chemie- und Pharmaunternehmen zeigt: Jedes zweite befragte Unternehmen will seine Investitionen in Deutschland in den Jahren 2026 und 2027 reduzieren. Mehr als jedes dritte Unternehmdenkt darüber nach, Investitionen teilweise oder vollständig ins Ausland zu verlagern. Nur rund zehn Prozent planen höhere Investitionen.

Investitionen entscheiden über die Arbeitsplätze von morgen

Unsere Unternehmen wollen investieren. Die entscheidende Frage ist jedoch zunehmend: Wo werden sie investieren? Im internationalen Wettbewerb vergleichen Unternehmen Energie- und Produktionskosten ebenso wie Planungs- und Genehmigungszeiten und die Verlässlichkeit politischer Entscheidungen. Eine Investition, die heute nicht in Ostdeutschland stattfindet, fehlt morgen bei Wertschöpfung, Beschäftigung und Innovation.

Weniger Ausbildungsplätze sind ein Warnsignal

Auch bei der Ausbildung werden die Folgen der wirtschaftlichen Entwicklung sichtbar. Die Zahl der neuen Ausbildungsverhältnisse in der ostdeutschen Chemieindustrie ist zuletzt deutlich zurückgegangen. Das ist kein Zeichen nachlassenden Engagements. Wenn allerdings Anlagen zurückgebaut oder Standorte geschlossen werden, hat das Folgen für Ausbildungsplätze – und damit für die Fachkräftebasis der kommenden Jahre.

Und wer heute industrielle Perspektiven verliert, riskiert, dass junge Menschen ihre Zukunft anderswo suchen. Das können wir uns in Ostdeutschland nicht leisten.

Chemie und Pharma sichern Versorgung und Resilienz

Chemie und Pharma sind systemrelevant. Ihre Produkte und Vorprodukte werden in zahlreichen Bereichen des täglichen Lebens und in industriellen Wertschöpfungsketten gebraucht – sei es, für Arzneimittel, Halbleiter, Batterien, erneuerbare Energien, Bau, Landwirtschaft oder Mobilität.

Gerade die vergangenen Jahre haben gezeigt, wie schnell Lieferketten unter Druck geraten können. Eine starke heimische Produktion ist deshalb eine Frage von Versorgungssicherheit und industrieller Resilienz. Werden wichtige Grundstoffe und Produkte nicht mehr in Deutschland hergestellt, wächst die Abhängigkeit von anderen Ländern und Märkten.

Ostdeutschland verfügt über eine industrielle Basis, die sich nicht beliebig ersetzen lässt: traditionsreiche und zugleich moderne Standorte, leistungsfähige Chemieparks und Verbundstrukturen, qualifizierte Beschäftigte und Unternehmen, die mit ihren Regionen eng verbunden sind.

Chemie verbindet – ganz konkret

Mit unserer Kampagne „Chemie verbindet“ wollen wir diese Verbindung sichtbar machen. Wir wollen zeigen, was hinter den Werkstoren steckt: Menschen, Familien, Ausbildung, Innovation und Wertschöpfung. Und wir wollen daran erinnern, dass industrielle Arbeitsplätze das Ergebnis von Investitionen, unternehmerischem Mut, qualifizierten Beschäftigten sind sowie politischen Rahmenbedingungen sind, die Investitionen hierzulande ermöglichen.

Unsere Unternehmen können die Kampagne an ihren Standorten und über ihre eigenen Kanäle aufgreifen.

Die Zukunft entscheidet sich heute

Ich bin überzeugt: Ostdeutschland hat alle Voraussetzungen, auch künftig ein starker Industriestandort zu sein. Wir sollten diese Stärke nicht kleinreden – wir sollten sie sichern und weiterentwickeln.

Über die Zukunft unserer Industrie zu sprechen, heißt auch, über Arbeitsplätze, Wertschöpfung und wirtschaftliche Perspektiven in Ostdeutschland zu sprechen.

Deshalb ist Chemie für mich mehr als eine Branche. Chemie verbindet Menschen, Unternehmen und Regionen. Sie verbindet Vergangenheit und Zukunft.

Chemie verbindet. Heute Arbeit. Morgen Zukunft.

Nora Schmidt-Kesseler posiert vor dem NOC Kampagnenplakat.
Foto: Andreas Gora